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Lyrik am Freitag – Zhadan: In einem harten Winter

Der Wert eines Gedichts steigt im Winter. / Vor allem in einem harten Winter. / Vor allem in einer leisen Sprache. / Vor allem in unberechenbaren / Zeiten. Diese Zeilen klingen nach unserem Hier und Jetzt und sind doch in einem ganz anderen Zusammenhang entstanden. Sie stammen von Serhij Zhadan. Er ist Ukrainer, Jahrgang 1974; hat die Sowjetunion noch als Jugendlicher erfahren, ist dann aufmerksam durch das postsozialistisch-kreativ-korrupte Chaos in seiner Heimat gegangen (davon zeugt vor allem sein Prosawerk), hat sich im Demokratisierungsprozess („orangene Revolution“) engagiert und erlebt nun, in den letzten Jahren, hautnah den Bürgerkrieg bzw. den Krieg mit Russland im Osten seines Landes. Seine jüngsten Gedichte, die vor kurzem ins Deutsche übertragen worden sind, entstehen unter dem Eindruck der gewaltsamen Auseinandersetzung, wie sie sich in seiner Heimatstadt Charkow nahe der russischen Grenze zeigt: Sie zeigen die Risse, die durch die Stadt gehen und einst einander nahe Menschen entzweien. Zeugen von Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Doch schreibt er auch von privatem Glück und Unglück. Vom Tod seines Vaters und seinen Erinnerungen an ihn.

Zhadan ist Schriftsteller und Rockmusiker, freischaffender Künstler und Denker; zur Zeit einer der (auch international) anerkanntesten seines Landes. Und immer wieder ist er Poet. Ein Dichter. Und was macht dieser Mann? / Er schreibt Gedichte. / Breitet sie bei Tisch aus. / Feilt. / Als würde er Kinderschuhe flicken. / Genau zur rechten Zeit / hat er sich an die Arbeit gesetzt. / Genau jetzt. / Dann bald kommt der Winter. (…) So kann er seine Arbeit beschreiben; auch in diesem Winter, der seine Heimat lähmt und der in sein Leben greift. Sein Instrument, sein Heilmittel ist die Sprache: Sprache ist Atem, gefüllt mit Sinn. Aber: auch die trügerische Chance, / jemanden daran zu hindern / von der Brücke in die Seine zu springen.

Zhadan zeichnet mit seiner Sprache Bilder, die den Wechsel der Jahreszeiten anzeigen, vor allem den langen ostukrainischen Winter. Ich stelle mir die abgeernteten Felder vor, draußen vor der Stadt; die riesigen Brachen, wenn er schreibt: Die besorgten Stare sitzen wie Apostel / an Tischen, auf denen Brot und Wein stehen, / sie lesen den Psalter, / den man aus Potschajiw gebracht hat, / sie erwähnen den Winter, der gewiss zurückkommt. // Das Herz der kleinsten Schwalbe ist stärker als der Nebel. / Die Seele des hoffnungslosesten Vogel verdient unsere Sorge. / Soll der Winter ruhig kommen. / Soll er ruhig zurückkehren. / Soll er ruhig auf unseren Feldern walten.

Ich denke an den „Wert eines Gedichtes im Winter“. Bin berührt von der Kraft und Hoffnung und Liebe, die doch in der Poesie, in der „leisen Sprache“ stecken kann: „Das Herz der kleinsten Schwalbe ist stärker als der Nebel. Und die Seele des hoffnungslosesten Vogel verdient unsere Sorge. Soll der Winter ruhig kommen.“

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