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Lyrik am Freitag – Rilkes Gebet

Gebet

Ich sprach von Dir als von dem sehr Verwandten,
zu dem mein Leben hundert Wege weiß,
ich nannte dich: den alle Kinder kannten,
den alle Saiten überspannten,
für den ich dunkel bin und leis.

Ich nannte dich den Nächsten meiner Nächte
und meiner Abende Verschwiegenheit, –
und Du bist der,
den keiner sich erdächte,
wärst du nicht ausgedacht seit Ewigkeit.
Und du bist der, in dem ich nicht geirrt,
den ich betrat wie ein gewohntes Haus.
Jetzt geht dein Wachsen über mich hinaus:
Du bist der Werdendste, der wird.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Ein Gedicht wie ein Gebet. Ein Gebet wie ein Gedicht. Ein Sprechen zu Gott, das zugleich ein Reden über Gott ist. Rainer Maria Rilke ist kein „Theologe“, jedenfalls nicht im geprägten Sinn des Wortes als einer, der gelehrt von Gott redet. Rilke ist ein Dichter, dem das Heilige, das Göttliche keine Ruhe lässt und der sich diesem auf seine Weise nähert: poetisch und darin frei. Ein „Theopoet“ ist er/war er, wenn es das gibt.

Rilke kommt aus christlich-katholischer Tradition und ringt immer wieder heftig mit ihr. Ist skeptisch gegenüber allem Formelhaften, Festgefügten. Ist auf der Suche nach einer neuen religiösen Sprache. Rilkes Dichten von Gott, von das/dem/der, die wir Gott nennen, ist nah an den Psalmen des Alten Testaments und doch faszinierend originell: Ist tastend, suchend und in seinen Worten und Bildern unmittelbar und lebensnah. Voll von Gespür und Erfahrung.

So spricht Rilke in diesem Gedicht auch nicht eindeutig von Gott. Seine Gottesbilder schillern und verschwimmen. Gott ist ihm nah und fern zugleich. Gott ist ihm einerseits „verwandt“ und es gibt ein tiefes, instinktives, ja kindliches Vertrauen und Wissen um ihn. Und Gott ist der, der um ihn weiß. Er ist ihm nah in seinem Schweigen; ist wie ein Zuhause („ein gewohntes Haus“), in das er immer wieder zurückkehren kann (über „hundert Wege“). So lese ich diese zarten, geheimnisvollen Zeilen.

Und doch gibt ein Andrerseits. Aus der vertrauten Vergangenheit (Zeitform!) wird (immer wieder?) eine Gegenwart, die mit dem Vertrauten bricht. „Jetzt“ hat sich etwas verändert, ist neu. Gott übersteigt unsere Bilder; er ist eben der, den keiner sich erdenken kann. Wir werden seiner nicht habhaft, sondern: Gott ist „der Werdendste, der wird“. Er steht nicht still, ist nicht ein für allemal vollkommen, sondern er ist und bleibt in Bewegung, ja er wächst. Er ist das Leben per se! Und doch ist er da und der Dichter spricht zu ihm.

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1 Kommentar

  1. Rilkes Sprache bewegt mich immer… aber oftmals verstehe ich sie nicht. Durch die folgenden Gedanken dazu werden die meinen erst klarer. Gottes Wachsen und sich Verändern spiegelt sich ja auch in unserem ständigen Wachsen und Werden… so wir denn achtsam durch das Leben gehen. Diffuse Gedanken wachsen in die Klarheit, in die Erkenntnis.

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