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Lyrik am Freitag – Kurt Marti: zum 100.

Kurt Marti – zum 100.

sie örtern
wir örtern
gott vergeblich mit wörtern
doch er ist
der geist und lässt sich nicht örtern
er ist das wort
und lässt sich nicht
wörtern

Kurt Marti (1921-2017)

 

Ein kleiner, typischer Text von Kurt Marti, dem Schweizer Theologen, Pfarrer und Lyriker, der am 31. Januar sein 100. Lebensjahr vollendet hätte. Spiel und Sprachwitz (fast dadaistisch), die seine Texte und Gedichte kennzeichnen, verbindet er auf leichte und unangestrengte Weise mit Tiefgang. Dabei sind sie politisch engagiert und loten eine zeitgemäße Frömmigkeit aus. Kreisen immer wieder um das eigentlich Unsagbare; um Gott, der nicht zu orten (zu örtern) und nicht mit Wörtern zu bestimmen (zu erörtern) ist.

Der verfassten Kirche, deren Teil er selbst lange war (zwanzig Jahre als Pfarrer in der Nydeggkirche in Bern), ist er oft unbequem; ein Querdenker, ja „Nestbeschmutzer“, der „die Kirchen aus Stein“ und festgemauerte Machtverhältnissse in Frage stellt. Er provoziert, wenn er sagt: „Gott liebt das Monopol nicht! Es hätte ihm nicht gefallen, wenn alle Menschen Christen geworden wären!“ Dieses Eintreten für eine Vielfalt der Glaubenstraditionen, eine Verschiedenheit der Wege und eine Nachdenklichkeit, die feste Glaubenssätze immer wieder in Frage stellt, ist gut protestantisch.

Ich lese bei Marti immer wieder davon, dass es statt spekulativer Gedankengebäude und (selbst)gewisser Antworten eher die Aufmerksamkeit für die Wunder des Alltags und für „das Unten“ braucht. Eine „Zärtlichkeit“, die bedeutet „das Lebendige auch in seinen unauffälligen Formen und Äußerungen wichtig zu nehmen. Insofern ist Lyrik die Sprachform der Zärtlichkeit: ein Haar, ein Blick, ein Blatt werden in ihr unendlich wichtig, werden Epiphanien (d.h. Erscheinungen) des Lebens überhaupt.“ Dagegen ist „das Wort Jenseitsvorstellungen – ein Bluff! Wenn es nämlich ein Jenseits gibt, dann ist es auch jenseits unserer Vorstellungen. Gott ist unser Jenseits. Das zu glauben genügt – und alles andere können wir ihm überlassen.“

Und doch, bei aller Kritik und Provokation, die ihm zu eigen ist, ringt und spielt er leidenschaftlich mit der Überlieferung des christlichen Glaubens; ringt der Bibel, den alten Worten, Formulierungen ab, die er in sein Leben und in unsere Welt überträgt und relevant machen will. Er ruft nach Taten, die aus der Hinwendung zum Göttlichen fließen soll, aus der „Wachheit nach oben“, zu der er sich selbst bekennt. Seine Übertragung des Vaterunsers lautet so:

unser vater
der du bist die mutter
die du bist der sohn
der kommt
um anzuzetteln
den himmel auf erden
dein name werde geheiligt
dein name möge kein hauptwort bleiben
dein name werde bewegung
dein name werde in jeder zeit konjugierbar
dein name werde tätigkeitswort
bis wir loslassen lernen
bis wir erlöst werden können
damit im verwehen des wahns komme dein reich
in der liebe zum nächsten
in der liebe zum feind
geschehe dein wille –
durch uns.

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2 Kommentare

  1. Danke, ich wusste bisher nichts von Marti. Obwohl Gott sich nicht „wörtern“ lässt, wagte Marti doch einen Spruch über dessen Abneigung gegnüber Monopolen, der mir sehr gefällt.

  2. Schön, Gott als Tat … und dies mit Wörtern geörtert.

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