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Lyrik am Freitag – Jüngel: Zukunftsmusik

Wenn es so etwas wie Zukunftsmusik gibt,

dann war sie damals,

dann ist sie am Ostermorgen an der Zeit:

Zur Begrüßung des neuen Menschen,

über den der Tod nicht mehr herrscht.

Das müsste freilich eine Musik sein –

nicht nur für Flöten und Geigen,

nicht nur für Trompeten, Orgel und Kontrabass,

sondern für die ganze Schöpfung geschrieben,

für jede seufzende Kreatur,

so dass alle Welt einstimmen

und Groß und Klein, und sei es unter Tränen,

wirklich jauchzen kann,

ja so, dass selbst die stummen Dinge

und die groben Klötze mitsummen und

mitbrummen müssen:

Ein neuer Mensch ist da,

geheimnisvoll und allen weit voraus,

aber doch eben da.

 

(Eberhard Jüngel, geb. 1934)

 

Eigentlich ist es kein Gedicht und der, der es geschrieben hat, ist auch gar kein Dichter, sondern Theologieprofessor und Prediger. Und doch, diese Zeilen von Eberhard Jüngel sind für mich ein Stück Poesie: „Unter Tränen jauchzen Groß und Klein“ und „grobe Klötze müssen mitbrummen“. Das, was Ostern ist, was am Ostermorgen geschehen ist, das Geheimnis der Auferstehung wird durch diese poetischen Worte und Bilder lebendig und existenziell. Das Ostergeschehen wird erfahrbar in einem tiefen, ja hohen Gefühl. Wir, die gesamte seufzende Schöpfung, werden berührt und bewegt und mitgenommen, hinein in diesen Klang, der an diesem Morgen erklingt. Vielmehr: Der in uns wachgerufen wird. Da ist ein Geschehen, da passiert etwas in der Welt und zwischen Himmel und Erde, das in uns eine Resonanz hervorruft. Wir können gar nicht anders, sondern stimmen ein und jubeln und begrüßen „den neuen Menschen“. Jesus ist der neue Mensch, der durch den Tod, durch die Angst und die Verzweiflung hindurchgegangen ist in die Freiheit und das Leben. Und der uns damit vorangeht. Was der neue Mensch uns bedeutet, wird nicht genauer beschrieben. Wie er etwas ändert, wie wir uns durch ihn verändern, bleibt ungesagt. Sein bloßes Dasein, seine Präsenz bedeutet Hoffnung und Zukunft. Auch, wenn er uns weit voraus ist. Gott macht lebendig. Ihn, den neuen Menschen, den Vorausgänger und mit ihm auch uns, als Nachfolger. Ostern ist die Hoffnung auf ein Leben, in dem alle Härten aufweichen und unsere Ängste verschwinden; ein Leben in einem Geist, der uns öffnet und uns in unserer Geschöpflichkeit, so verschieden wir auch sind, eint und uns – summend und brummend und jauchzend – zu einem Chor werden lässt.

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1 Kommentar

  1. Der neue Mensch, nicht nur ein Vorangeher, sondern ein leuchtendes Vorbild für uns alle, das uns zeigt, wie Mensch-Sein aussieht und positiv in die Welt hinein wirkt. Selbst die Stummen und Groben bleiben nicht unberührt. Sie sind anfangs noch zaghaft und vielleicht auch ein bißchen unbeholfen, aber sie stimmen ein in den klangvollen Grund aller Dinge, und es wird daraus ein großer Lobgesang auf das Leben, wahre Osterfreude!

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