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Lyrik am Freitag – Holofernes: Zeit heilt alle Wunder

Die Zeit heilt alle Wunder

Die Zeit heilt alle Wunder
Wenn du sie gut verschnürst
Bind nur die Stelle gut ab
bis du es gar nicht mehr spürst
Du weißt ein Feuer geht aus
wenn du es länger nicht schürst
und du weißt dass du besser
an alte Wunder nicht rührst

Judith Holofernes (geb. 1976)

Aus „Wunden“ werden „Wunder“ und alles wird anders. Ein Buchstabe wird verändert, aus dem n wird ein r, nur ein Häkchen weggenommen und die gängige Redewendung über die Zeit und die Wunden bekommt eine ganz neue Bedeutung. Die deutsche Popband mit ihrer Sängerin und Liedschreiberin hat einst so gesungen und das heutige Gedicht ist also eigentlich ein Songtext. Die Melodie und Holofernes‘ Gesang machen das Lied zu einem Meisterwerk (hört es Euch an auf https://www.youtube.com/watch?v=6vC3ETlg5HQ)

Ich höre es so: Die Wunder unseres Lebens sind kostbar. Aber wenn wir sie nicht beachten, wenn wir sie sogar missachten; wenn wir sie nicht pflegen, sondern abspalten („abbinden“) und aus unserer Wirklichkeit verbannen, dann sterben sie. Sterben sie ab. Dann gehen sie verloren und verlöschen. So wie ein Feuer verlöscht, wenn es nicht geschürt wird. Im Gegensatz zu unseren Wunden mögen unsere Wunder eben nicht „heilen“ und „vernarben“, sondern lebendig bleiben und pulsieren. Denn, so singt sie weiter:

Und auch das größte Wunder geht vorbei
Und wenn es dich nicht loslässt zähl bis drei
Und es geht vorbei es geht vorbei
Es geht vorbei es geht vorbei

Die Zeit heilt alle Wunder
schon nach wenigen Jahren
Die Zeit heilt alle Wunder
schon nach wenigen Jahren
nur noch Narben da wo Wunder waren

Über was für Wundern singt sie? An welche Wunder denken wir? Vielleicht an das Wunder des Lebens an sich. Das Wunder zu sein und nicht nicht zu sein. Das Wunder in der Welt zu sein, als Teil von allem was ist und lebt. Holofernes sieht in dem Kind, das die Welt entdeckt und sie begeistert erkundet, das Urbild für alles Wunderbare. Sie wendet sich an uns kleinere und größere Menschenkinder, dichtet und singt:

Du kommst auf die Welt um ihr den Kopf zu verdrehen
Du lachst über Hunde und deine eigenen Zehen
Du bleibst kaum kannst du laufen alle zwei Meter stehen
und fällst auf die Knie um noch ein Wunder zu sehn

Und am nächsten Wunder ziehen sie dich vorbei
Der der dich am Arm hält zählt bis drei
Und es geht vorbei es geht vorbei

Ich höre hier den Ruf, dass wir uns unser Kindsein (es gibt die schöne Rede von unserem „inneren Kind“), unsere Kinderaugen nicht verbinden und uns verbieten sollen: Das Lachen über die eigenen Zehen, die so seltsam aus dem Körper ragen; das Staunen über die Schönheiten am Wegesrand. Wenn wir unsere Kinder an den Wundern der Welt „vorbeiziehen“, vielmehr: Wenn wir uns selbst daran vorbeizerren und uns das Kindsein nicht mehr erlauben, das Spielerische, Tänzerische, Ausgelassene, ja Alberne nicht erlauben, weil wir anscheinend ja groß sind, dann verschwinden die Wunder und der Zauber des Lebens: „Es geht vorbei.“

„Die Zeit heilt alle Wunder“ ist ein unendlich trauriges Lied. Es ist traurig bissig und resignativ. Es singt eben auch von den Wunden unseres Lebens, dem Abgeschnittenen und Verbannten. Aber der Gesang von Judith Holofernes (hört es Euch an!) und die Leichtigkeit der Melodie machen daraus ein Kleinod, das in uns die Sehnsucht nach dem Wunderbaren unseres Lebens wecken und wachhalten kann. Jesus sagt dazu in seinen Worten: „Lasst die Kinder zu mir kommen und schickt sie nicht weg; denn solchen gehört das Reich Gottes!“ (Mk 10, 13)

PS. Das größte Wunder des Lebens mag für manchen von uns das Wunder der Liebe sein. Das Wunderbare einer Liebe, die bis ins Alter reicht und trotz aller Widrigkeiten und Abstrusitäten trägt, ist mit dem Soundtrack von „Wir sind Helden“ und Judith Holofernes Worten verbunden und zu sehen in einem Video, mit dem die Bundeszentrale für politische Bildung Menschen erreichen und bilden will. Schaut daher unbedingt auch in der Mediathek der BPB: https://www.bpb.de/mediathek/912/wir-sind-helden-die-zeit-heilt-alle-wunder

 

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