Lyrik am Freitag – Goes: Glück und Schmerz

Für Brigitte

 

Liebes Kind, es ist die Welt

Zwar ein Haus mit vielen Türen,

Aber also ists bestellt:

Bis zur Tür kann ich dich führen,

Klopfen musst du dann allein,

Ob Dir Glück, ob Schmerzen winken,

Glück und Schmerzen werden dein.

Komm und geh und tritt herfür,

Segnen werden dich die beiden –

Glaub mir: an der letzten Tür

Sind sie nicht zu unterscheiden.

Albrecht Goes (1908-2000)

Albrecht Goes, Dichter und Pastor, der als Soldat und Seelsorger durch den Krieg gegangen ist, adressierte dieses Gedicht an seine Tochter, die wohl damals ein kleines Mädchen gewesen ist. Als bedeutend empfinde ich – bei aller Rührung über die väterlichen Gefühle zwischen Liebe, Verantwortung und Ohnmacht – vor allem den angedeuteten Zusammenhang von Glück und Schmerz im Leben. Und ich frage mich: Ob das wohl wahr ist? Dass Glück und Schmerz im Letzten zusammengehören und „nicht zu unterscheiden“ sind?

Und ich höre in diesen Zeilen die Lebenserfahrung eines Mannes, der neben Glücksmomenten eben auch Schreckliches erlebt hat, und nehme sie ernst.

Ich höre: Wer in den Schmerzen des Lebens, den Verlusten und Niederlagen nicht untergegangen ist, einerseits, und, andrerseits, wer das Glück bzw. besser vielleicht „das Glücklichsein“, wenn es da ist, nicht für unvergänglich hält und als ein Besitz, sondern für unverfügbar und immer auch für flüchtig… Wer dann das Ganze des Lebens aus einigem Abstand sich vergegenwärtigt, es (sich) nahekommen lässt und es annimmt(!), der kann vielleicht spüren, dass es sich so verhält: Am Ende wird das eine dem anderen ähneln. Beide Grunderfahrungen werden eins, jedenfalls, was die „Ablagerungen an der Seele“ (Klaus Eulenberger) betrifft. Beide „segnen dich“. In Glück und Schmerz erfährst du Dich selbst (sie „werden dein“), erfährst du Wesentliches, möglicherweise sogar Heiliges. Ist etwa in beiden die Verbindung zu Gott verborgen? Glück und Schmerzen, etwas nüchterner formuliert, werden zu einem Lebensschatz(?), d.h. sie werden mir zu Gute kommen, mein Leben (er-)füllen und vielleicht auf einen Lebenssinn hinweisen. Vielleicht ist das so und wird so sein. Wer weiß?!

Liebe Lyrik-Gemeinde, der Lyrik-Blog macht Urlaubs-Pause bis Anfang August. Ich danke Euch fürs Sich-Interessieren: Fürs Lesen, Bedenken und Kommentieren. Herzliche Grüße, Steffen Kühnelt

 

 

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1 Kommentar

  1. Glück und Schmerz – die zwei Seiten derselben Medaille. Wie alles im Leben hat jedes Ding zwei Seiten, Vorteile und Nachteile. Beides gehört zusammen, und das fügt sich im Anblick der Ewigkeit zu einer Einheit , einem Ganzen. So verstehe ich das Gedicht von Albrecht Goes.

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