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Lyrik am Freitag – Enzensberger: Vorzüge meiner Frau

Die Vorzüge meiner Frau

 

Die Vorzüge meiner Frau sind zu zahlreich

für ein Blatt Din A 4.

Sie ist ein Vielzeller mit knisternden Haaren,

die nachts, wenn sie schläft, vorzüglich gedeihen.

Jedes einzelne ist mir lieb. Mit weichen Stellen

ist sie wohl versehen. Wenn ihre Nüstern

ein wenig beben, dann weiß ich: sie denkt.

Wie oft sie denkt, und wie unwillkürllich sie lebt!

Ich weiß, sie kann ihre Zunge ringeln,

kann fuseln. Wenn sie lacht oder zürnt,

zeigt sich am Mund eine neue Falte,

die mir gefällt. Nicht ganz weiß ist sie,

hat mehrere Farben. Auch ihre Atemzüge

sind zahlreich, ganz zu schweigen

von den mannigfaltigen Seelen in ihrer Brust.

Es wundert mich, daß sie hier,

wo ich zufällig bin, meistens da ist.

 

Hans Magnus Enzensberger (geb. 1929)

 

Der Wonnemonat soll nicht vergehen, ohne nicht doch noch ein Gedicht über die Liebe auf Erden (vgl. den letzten Freitag) der Sammlung hinzuzufügen. In die Hände fiel mir dieses von Hans Martin Enzensberger, dessen Liebesgedichte, so ein Kritiker, „in die Picknickkörbe aller Verliebten gehören.“ Dabei verzichtet der gebürtige Franke auf die großen Gesten und Herz reimt sich bei ihm kaum auf Schmerz. Es sind die kleinen, leicht vergessenen Glücks- und Liebesmomente, denen Enzensberger Aufmerksamkeit schenkt. Seine Sinnlichkeit ist zart und alterslos. Er selbst schreibt in einem Vorwort zu einer Sammlung seiner Liebesgedichte so: „Auch die obsessivste Leidenschaft wird von allen möglichen Interferenzen heimgesucht, von unfreiwilligen Regungen, Alltagsproblemen, Hintergedanken, die sich dem strengen Code der Liebe nicht fügen wollen.“

So sucht er seinen eigenen Code und findet ihn in der alltäglich-allnächtlichen Betrachtung seiner Frau (als Angehörige eines Dichters oder Dichterin müssen man/frau ja wohl mit der Veröffentlichung solcher Intimitäten rechnen…). „Vorzüge“ nennt er kokett ganz banale, biologische Eigenarten ihrer Physiognomie („Haare und Atemzüge“), die aber im liebevollen Blick (für ihn!) ein Ausdruck ihres Wesens sind; Eigenschaften, denen er vertraut ist, die ihn rühren (die „mannigfaltigen Seelen“) und begeistern (die „Unwillkürlichkeit“ ihres Lebens). Vorzüge, in denen er selbst vorkommt – in ihrem Zürnen und Lachen spiegelt er sich selbst. In denen die Liebesgeschichte des Paares und deren alltägliches Leben aufgehoben sind. Ich empfinde Enzensbergers Worte als unendlich zärtlich und spüre die gewachsene Verbundenheit der Liebenden. Und freue mich über sein fast kindlich anmutendes Staunen, dass das so ist und die Geliebte da ist. „Ich wundere mich“, schreibt er. Ob Zufall oder Fügung und obwohl jede Liebe Hege und Pflege braucht, so ist sie vor allem Geschenk und ein Wunder.

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1 Kommentar

  1. Ein wunderschönes Liebeslied! Der Dichter nimmt uns mit in seine zarten Empfindungen und schwingt uns ein in seinen Rhythmus. Das berührt mich. Die gefühlte Liebe begleitet mich und ist da, wo ich auch immer bin.

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