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Lyrik am Freitag – Rost: Lass uns aufbrechen

Das transitorische Medium

 

Lass uns aufbrechen in der kleinen Form

mit der begrenzten Aufmerksamkeit

die wir uns abringen können. Nicht erst

lang überlegen nimm nur was du trägst

und ein paar Sachen zum Wechseln

 

Einen Ersatzfilm und ein Ziel bestimmt

um in die entgegengesetzte Richtung

zu fahren. Lass uns die kleine Form wählen

die beschränkte Aufmerksamkeit für ein

flüchtiges Ineinander von Andacht und

 

Zerstreuung. Nur du und ich für den Moment

in dem man die Kamera an die Linse hält

abdrückt und nicht weiß was daraus wird.

Lass uns nicht lang überlegen und dem

geliehenen Leben nachgehen das neben

 

der Straße wartet auf den Moment in dem

man die Linse öffnet und abdrückt und nur

der Abbildner weiß was er sieht und verpasst

und nimm ein paar Sachen zum Wechseln

 

Hendrik Rost (geb. 1969)

Wer Ziele hat und große Pläne macht, um sie zu erreichen und über ihnen so lange sinnt und an ihnen feilt, damit alles möglichst perfekt wird und alle Eventualitäten bedacht sind, der bricht womöglich niemals auf. Denn immer passt ein Detail noch nicht haargenau, immer fehlt noch eine Kleinigkeit. Und das Losgehen, das Anfangen wird verschoben und am Ende versickert die Energie, die zu Beginn da war, im Sand. Die Chance ist vertan.

Hendrik Rost plädiert in seinem Gedicht für die „kleine Form“, die Improvisation, für Spontaneität. „Nicht erst lang überlegen“ schreibt er, selbst „eine begrenzte Aufmerksamkeit“ mag reichen; es braucht nicht das 100%ige, um den ersten Schritt zu machen. Der Impuls ist wichtig, die Lust soll da sein; die Fantasie, dass sich der Weg („die Straße“) lohnt – auch wenn man „nicht weiß was daraus wird“. Vielleicht, so ruft er seinem Gegenüber zu und das gefällt mir, schlägst du auch die deinem ursprünglichen Ziel „entgegengesetzte Richtung“ ein und alles wird ganz anders als gedacht. Verabschiede dich von festen Vorstellungen. Dafür mögest du etwas wagen!

Und, ein letzter Rat, den er seinem/seiner Weggefährtin zuruft: „Nimm ein paar Sachen zum Wechseln“ – nimm das leichte Gepäck, so höre ich es, den „Daypack“, alles Weitere wird sich ergeben. Und mir fällt ein: Durch solch karg ausgestattete und spontane Wanderprediger ist das Evangelium in die Welt gekommen; also: die Botschaft von der Fülle, die ein Geschenk ist. Jesus schickte seine Jünger los mit den Worten: „Ihr sollt nicht mit auf den Weg nehmen, weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; es soll auch einer nicht zwei Hemden haben.“ (Lk 9, 3) Denn das Leben ist nur „geliehen“, so höre ich Rost, und sicher ist es nicht und sichern kannst du es dir auch nicht. Aber es wartet „neben der Straße“.

 

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1 Kommentar

  1. Zu leben: Das bedeutet eben nicht, sein Leben nach den eigenen Plänen ablaufen zu lassen, sondern frei zu sein für das, was am Wege liegt, dies nicht nur wahrzunehmen, sondern ihm – im wahrsten Sinne des Worte- zu begegnen. Nur so können wir christlich leben. Der barmherzige Samariter hat es uns vorgemacht. Er war nicht hauptsächlich gesteuert durch seine Vorhaben wie die anderen Vorübergehenden, sondern hat lebendig gehandelt und dem Leben gedient. Das geht meistens nur mit leichtem Gepäck. “ Ein paar Sachen zum Wechseln genügen“, schwere Koffer belasten nur, und wir können uns nicht „um das Leben“ kümmern. Liebe das Leben!
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