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Lyrik am Freitag – Bobrowski: Bericht

Bericht

Bajla Gelblung,
entflohen in Warschau
einem Transport aus dem Ghetto,
das Mädchen
ist gegangen durch Wälder,
bewaffnet, die Partisanin
wurde ergriffen
in Brest-Litowsk,
trug einen Militärmantel (polnisch),
wurde verhört von deutschen
Offizieren, es gibt
ein Foto, die Offiziere sind junge
Leute, tadellos uniformiert,
mit tadellosen Gesichtern,
ihre Haltung
ist einwandfrei.

Johannes Bobrowski (1917-1965)

Johannes Bobrowski, geboren in Tilsit, Ostpreußen, an der Grenze zum Memelland, zu Litauen. Dort ist er groß geworden. In dieser Landschaft zwischen Wald und Fluss und Meer. Diesseits und jenseits der damals, vor dem Krieg, noch durchlässigen Grenzen; geprägt vom Völkergemisch, von einem frommen Elternhaus, gebildet mit Bibel und Gesangbuch. Eine Kindheit also an der Memel, kurze Zeit dann an der Weichsel, mit Schulabschluss in Königsberg und einem Semester Studium in Berlin. Dann musste er Soldat werden, war im Krieg, mit dabei vom ersten Tag an, beim Überfall auf Polen, in Frankreich, beim Überfall auf die Sowjetunion. Der war damals im Sommer vor 80 Jahren. Es ist wichtig sich in diesem Sommer daran zu erinnern.

Damals in Russland fing Bobrowski an mit dem Dichten. Seine Gedichte beschreiben das Land und die Landschaften im Osten Europas, durch die er mit der Wehrmacht zog. Samartien, so nannte er – nach antikem Vorbild – das Land, den mannigfaltigen Kulturraum zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, das nun von Deutschland mit Krieg bedeckt wurde. „Bloodlands“ nannten es Historiker später treffend.

Sein „Bericht“ beschreibt eine dokumentierte Begebenheit. Eine Randbemerkung im großen Krieg. Doch es gibt tatsächlich das Foto vom Verhör der jungen Frau mit dem in unseren Ohren ungewöhnlichen Namen – Balja Gelblung. Es zeigt den Moment, wie sie, eine polnische Jüdin, die dem Ghetto und der Ermordung entflohen war, sich Partisanen angeschlossen und Richtung Osten durchgeschlagen hatte, nun wieder gefangen und verhaftet, den deutschen Offizieren Rede und Antwort stehen muss. Dass am Ende dieser „Verhandlung“ ein Todesurteil stehen würde, ist hochwahrscheinlich. „Tadellos uniformiert“ seien diese Offiziere und mit „einwandfreier Haltung“. Mit „Haltung“ wird das grausame, unmenschliche und nur scheinbare Recht durchgesetzt. Zynisch und selbstgefällig ist die Attitüde der Mächtigen. Denn die auf Pflichterfüllung gedrillten Soldaten folgen ja „nur“ ihrem Befehl und den tödlichen Regeln des Systems, dessen Teil sie geworden sind. Selbst ihre Gesichter sind „tadellos“, schreibt Bobrowski. Junge Männer aus der deutschen Provinz, vielleicht humanistisch gebildet, christlich erzogen, womöglich mit Bach und Goethe groß geworden, werden sie zu blinden Vollstreckern des Unrechts. „Einwandfrei“ erscheint die Fassade der Grausamkeit und das ist der Gipfel des traurigen Zynismus.

Der „Bericht“ ist nicht typisch für Bobrowskis Dichtung. Diese ist selten politisch, sondern bleibt oft mystisch und geheimnisvoll. Und doch will sie zerstörte und verlorene Bande wiederherstellen und knüpfen zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn.

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