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Lyrik am Freitag – Szymborska: An mein Herz

An mein Herz an einem Sonntag

 

Ich danke dir, mein Herz,

daß du nicht säumst, daß du dich regst

ohne Entgelt und ohne Lob,

aus angeborenem Fleiß.

 

Siebzig Verdienste hast du in einer Minute.

Jede deiner Muskelbewegungen

ist wie ein Anstoß des Bootes

ins offene Meer

zur Fahrt um die Welt.

 

Ich danke dir, mein Herz,

daß du mich ab und zu

herausnimmst aus der Ganzheit,

als Einzelheit selbst im Traum.

 

Du sorgst dafür, daß ich mich nicht

ganz und gar verflüchtige

in einem Flug,

der keine Flügel brauchst.

 

Ich danke dir, mein Herz,

daß ich wieder erwacht bin –

und obwohl es Sonntag ist,

ein Tag der Ruhe,

hält der Verkehr unter den Rippen an

wie sonst an den Wochentagen.

 

Wisława Szymborska (1923-2012)

 

„Lyrik am Freitag“ mit einem „Sonntagsgedicht“? Adventliche Lyrik, in der es kein bisschen weihnachtet? Und doch ließen mich diese Zeilen der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Wisława Szymborska in dieser Woche nicht los. Vielleicht, weil sie für mich doch adventlich sind. Weil nämlich diese Dezember-Tage eine Zeit der Einkehr sein können, der Innerlichkeit. Ein adventliches Nach-innen-Gehen, das dann auch wieder – vielleicht klarer, bewusster, demütiger, aufgeräumter? – nach außen gehen kann. Hin zum anderen. In die Gemeinschaft. Zum Fest.

 

Und das, was die Dichterin hier beschreibt, ist doch eine ausgesprochene Verinnerlichung; eine Hinkehr zum inneren Mittelpunkt, in die Tiefe der eigenen physischen Existenz. Denn sie schenkt ihrem Herzen Aufmerksamkeit. Spricht zu ihm. So, als wenn es ein eigenes Leben besäße, eine Persönlichkeit. Sie ist achtsam. Achtet auf ihr wunderbares (Zentral-)Organ. Diesem Wunderwerk, das unermüdlich arbeitet und pulsiert und schlicht das ermöglicht, was eben nicht selbstverständlich ist: das Leben. Diese alltägliche und allnächtliche „Fahrt um die Welt“, unsere je unverwechselbare Existenz, jeder einzelne von uns herausgenommen aus der „Ganzheit“ der Schöpfung.

 

Sonntags wie alltags und mitten im Advent ist doch das ein guter Grund um innezuhalten und dankbar zu sein: unserem Herzen, all den anderen wundersamen Organen und, wer mag, auch dem, der dieses Leben geschaffen hat.

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3 Kommentare

  1. das Herz ist ja von den inneren Orgenen dasjenige, von dem wir am meisten merken. Deshalb kommt es ja auch in unserer Sprache so oft ganz oder halb übertragenen vor. „Sie hat ein gutes Herz“, „mit pochendem Herzen wartete ich“, „schweren Herzens ging ich weiter“ … Ob das in sehr fernen Sprachen genau so ist? Etwa im Chinesischen?

  2. We have TONs of expressions in Chinese. Well apart from those universal descriptions like heart-aching, heart is heavy, heart broken…we also have many many others for example:
    The word heart in chinese is written like this: 心 xin with first tone.
    xin yang yang means an itching heart which refers to something or someone that you wish to get.

    We also say we have a deer inside our heart bumping around while we meet someone that we fall in love with. In English I think they use butterflies. Open heart means happy. Black heart means someone’s greedy… and many many more…

    Here comes a one random poem from ancient China. A female poet.

    卜算子·我住长江头
    [宋] 李之仪
    我住长江头,君住长江尾。
    日日思君不见君,共饮长江水。

    此水几时休,此恨何时已。
    只愿君心似我心,定不负相思意。

    We live together by the Yangtze River and drink the water of the Yangtze River, but we cannot see each other because we are separated by two places, and this love is like water flowing endlessly, and this hatred is endless.
    I can only wish you that your heart will always be like mine and that you will live up to your love for each other.

    This is a love poem from the Song Dynasty which is from 960 and lasted until 1279. Perfect for long distance couple who live at the up and the end of the longest river in China. Oh so romantic, the female poet wishes that her loved one can have a similar heart like her the keep the miss and love despite of the long distance…well well

  3. Vielen Dank, Momo. Die chinesischen Weisheiten sind wunderbar verschieden von unseren und vieles ist doch sehr verwandt. Was mich an dem schönen Gedicht erstaunt ist „and this hatred is endless“. Ist es wirklich Hass oder vielleicht Trauer? Or in English, I find this phrase surprising. I would have expected sadness.But may be there is some context which is not outlined, that some hatred is the cause of the separation.

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