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Lyrik am Freitag – Du, wie Laub…

Du, wie Laub, das dunkler steht, wie Lorbeer,
wie Stamm und Brand und Asche,
wonach die Vögel haschen,

wie langes Ruhen. Wer
kann dich erinnern, wer vergessen?
Du zu sagen, ist es nicht vermessen?

Du, wie schwelendes Gesträuch am Weg
Wie Staubwind, du, wie Schweigen,
dem sich die schnellen Tage neigen,

du erster, nie benannt, wie Laub …
Ich weiß nicht: Hab ich je an dich geglaubt?
Es war vergebens, denn du pochst in mir,

du schwelst und was ich auch verlier,
du atmest, brennst an meinem Weg.

Christian Lehnert (geb. 1969)

 

Der Dichter Christian Lehnert ist auch Theologe und Pastor. Wie bei seinem walisischen Kollegen R.S. Thomas (vgl.den Lyrik-Blog vom 23.10., Birdwatching) sind Dichtung und Religion für ihn verbunden und gehören auf natürliche Weise zusammen, sind wie Schwestern, wie zwei Pflanzen aus einem Wurzelgrund.

Dabei ist die Sprache seiner Lyrik nicht religiös in einem herkömmlichen oder gar kirchlichen Sinn. Das Wort Gott kommt bei ihm nur selten vor. Seine Sprache bedient sich der einfachen Dinge, der Natur und ist dabei doch kunstvoll. Lehnert spricht ehrfürchtig und geheimnisvoll von dem, was ihn da in seinem Tiefsten berührt. Von dem, was Menschen Gott nennen, spricht Lehnert suchend, spürend, ahnungsvoll. Es ist verborgen (dunkles Laub) und eigentlich unaussprechlich (ein Ruhen und Schweigen), immer wieder flüchtig (Asche und Staubwind) und zeitlos, wie ein Traum (zwischen Erinnern und Vergessen).

Unbegreiflich. Doch das, was nicht zu greifen ist, lässt ihn seinerseits nicht los. Es schwelt und pocht in ihm. Ist wie ein Atem, den er spürt, wie ein loderndes Feuer an seinem Weg. Das unbegreifliche, geheimnisvolle ist auch kein Es, sondern ein Du, ein echtes Gegenüber. Im Geheimen, aber da.

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  3. Steffen Kühnelt

4 Kommentare

  1. Das Gedicht spricht mich sehr an, aber an einen religiösen Hintergrund dachte ich nur durch Steffen Kühnelts Kommentar. Beim ersten Lesen war es für mich eine sehr irdische Liebe, unerfüllt und voller Sehnsucht.

  2. Aber Christian Lehnert ringt so sehr um vergleichende Bilder, dass so unbegreiflich und gleichzeitig umfassend nur Gott sein kann. Und im Vertrauen, ich sage du.

    1. Ja, Du hast schon recht, beim zweiten Lesen denke ich auch, dass es so gemeint ist. Meine Phantasie ist eben zu irdisch.

  3. Mir gefällt der Gedanke, dass es auch irdische Liebe (geheimnisvoll, drängend, nicht loslassend), um die hier mit Worten „gerungen“ wird, sein könnte. Das ist doch das schöne an (Wort-)Kunst, dass sie uns ganz verschieden nahe kommen kann und wir die Freiheit haben sie für unser Leben, den Text für unseren Kontext, zu interpretieren.

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